Hans Ehrenberg Schule, Bielefeld – Talitha Kumi, Beit Jala Deutsch-Palästinensischer Austausch 2024

Foto: HES

Auszug aus dem Projektbericht des Projektkoordinators

Wir sind sehr froh, dass es uns auch in diesen schwierigen Zeiten gelungen ist, eine Schüler:innengruppe aus Talitha Kumi in Bielefeld zu begrüßen. Schon in der Vorbereitung stellte sich uns die Frage, welchen Stellenwert der aktuelle Gazakrieg im Austausch wohl einnimmt. Einerseits waren die palästinensischen Gäste froh, ihren Kontext von Gewalt für einige Zeit hinter sich lassen zu können. Andererseits ergaben sich im Laufe der Begegnung doch viele Gelegenheiten, auch über den Konflikt zu sprechen.

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Zu Beginn der Austauschbegegnung hatten unsere SchülerInnen eine Führung durch unsere Schule und durch ihre Heimatstadt Bielefeld vorbereitet. Da es für viele Schüler:innen aus Palästina der erste Besuch in Deutschland war, gab es erwartungsgemäß viel zu entdecken.Schwerpunkt des Begegnungsprogramms war das gemeinsame Unterrichtsprojekt: „Bilder im Kopf - Selbst- und Fremdwahrnehmung in der interkulturellen Begegnung". Hierzu fand im Welthaus Bielefeld, deren Mitarbeiter:innen über viel Erfahrung im Bereich des interkulturellen Lernens verfügen, ein Tagesseminar statt. Dabei ging es um die kritische Reflexion von Stereotypen und klischeehaften Erwartungen zunächst ganz allgemein und später im speziellen Kontext eines Schüleraustausches. 

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Dass die palästinensischen Schüler:innen gut deutsch sprachen, erleichterte die Zusammenarbeit. Die erarbeiteten Inhalte wurden an einem der folgenden Schultage künstlerisch umgesetzt. Unter Leitung eines Kunstpädagogen unserer Schule entwickelten sich in gemischten Arbeitsgruppen Fotomotive zum Thema der Begegnung. Im Prozess der Bildgestaltung kooperierten die Schüler:innen sehr intensiv miteinander, und es gelangen sehr aussagekräftige Bilder, die verschiedene Facetten des Themas darstellten.
Für unsere deutschen Gastfamilien war der Palästinaabend sicherlich ein besonderes Ereignis. Hier stellten die palästinensischen Austauschschüler:innen ihre Heimat den interessierten Besucher*innen dar. Der Abend war noch nie so gut besucht wie in diesem Jahr. Eine palästinensische Schülerin hatte in Bethlehem ein Video aufgenommen, in dem sie eine Stadtführung durch Bethlehem präsentierte. Viele Schüler:innen stellten ihre Schule vor und erzählten von ihrem Leben in der Westbank, ihren Familien, ihren Lieblingsspeisen und Hobbies. Am Ende der Veranstaltung ging es auch um das Leben unter der Besatzung. Daraus entwickelten sich interessante Gespräche unter den Anwesenden.
Ein gemeinsamer Tagesausflug nach Köln mit einer Rheinfahrt und einer Domführung zeigte den Gastschüler:innen Besonderheiten deutscher Kultur und Natur.
Die Gastschüler:innen nahmen außerdem an einem "normalen" Schultag an der Hans Ehrenberg Schule teil, um einen Einblick in die alltägliche Lebenswelt unserer Schüler*innen zu erhalten. Sie fuhren jeden Tag mit ihren gastgebenden Schüler*innen zur Schule und erlebten gemeinsame Pausen.

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Alle 13 palästinensischen Schülerinnen und Schüler waren in unterschiedlichen Familien unserer Schüler:innen untergebracht. An den Wochenenden unternahmen die Familien vielfältige Aktivitäten mit den Austauschschüler:innen. Die Rückmeldungen aus den Familien waren durchweg positiv. Es wurde miteinander gekocht, gespielt und viel gesprochen, so dass der Abschied erwartungsgemäß schwer fiel. Auch die begleitenden Lehrer:innen waren bei Kolleg:innen untergebracht, so dass auch auf dieser Ebene Beziehungen entstanden bzw. vertieft wurden, was für die Weiterentwicklung der Schulpartnerschaft noch bedeutsam werden wird.

Feedbacks von Schülerinnen und Schülern 2024


Palästinensische Perspektiven:
•    Am Anfang war es schwer, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte. Aber dann bin ich mit der Familie vertrauter geworden, weil sie sehr nett waren. Köln und der Kölner Dom haben mich sprachlos gemacht, wie schön er ist. Die öffentlichen Verkehrsmittel und die Pünktlichkeit haben mich gestresst. Es gefällt mir, wie sehr sich die Deutschen um den Klimawandel sorgen. Ich habe auch bemerkt, dass Deutschland viele Kulturen hat (…). Die Mülltrennung war kompliziert für mich, weil wir das in Palästina nicht machen. Die Straßen waren sehr sauber, aber es gibt viele Zigaretten auf dem Boden. Ich dachte, wenn ich nach Deutschland komme, werde ich nichts essen, aber die Familie hat sehr leckeres Essen gekocht. Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich Deutschland noch einmal besuchen möchte.
•    Danke für die Möglichkeit nach Deutschland zu reisen. Es war eine schöne Zeit. Ich hatte gedacht, dass es am Anfang stressig wird. Aber es war anders, weil die deutsche Familie sehr nett war. Es gab keine Kommunikations-probleme zwischen mir und meiner Austauschpartnerin. Die Menschen sind sehr nett und ich habe mich nicht als ein Fremder, sondern wie ein Gast gefühlt. In Deutschland gibt es viele Verkehrsmittel, Bahnen, Busse und Züge, und es funktioniert alles. In Geschäften muss man sehr bereit und schnell sein, aber das lernt man mit der Zeit. 
•    Ich habe so viel in Deutschland gesehen, z.B. den Kölner Dom und die Sparrenburg. Ich war in einer typisch deutschen Familie, denn sie hießen Stefan, Max usw.. Deutschland hat mich überrascht, denn es gibt viele Unterschiede zwischen den Kulturen. Die Deutschen sind bekannt für ihre Pünktlichkeit. Wenn sie ein oder zwei Minuten zu spät sind, dann werden sie sauer. Der Austausch hat meine Persönlichkeit geändert und meine deutsche Sprache verbessert. Außerdem habe ich viele neue Leute kennengelernt. 
Das motiviert mich, eine gute Note im Abitur zu schreiben, um danach in Deutschland zu studieren.
•    Das Essen in Deutschland ist sehr anders, schmeckt aber gut. Die Natur ist sehr grün und sehr schön, hoffentlich kommen die deutschen Austauschschüler*innen nächstes Jahr auch nach Palästina. 
•    Es war sehr interessant für mich, neue Kulturen kennenzulernen, neues Essen auszuprobieren und auch andere neue Dinge auszuprobieren. Meine ersten Tage waren ein bisschen chaotisch, weil ich nichts über Bielefeld wusste. Aber nach zwei Wochen hier muss ich sagen, es waren einige der besten Zeiten meines Lebens. 


Deutsche Perspektiven:
•    Die Zeit, in der wir in den Familien waren, machte auch sehr Spaß, da wir viel mehr miteinander geredet und erzählt haben. Den Palästina-Abend fand ich auch super interessant, da wir alle (Eltern etc.) noch viel mehr über die momentane Lage lernen und uns ein besseres Bild machen konnten. Als Abschluss haben wir uns mit ein paar Leuten noch abends an der Sparrenburg getroffen, sind durch die Stadt gegangen und haben noch alle zusammen gegessen. Dieser Abend hat sehr viel Spaß gemacht, und ich werde ihn nie vergessen. Ich habe durch diesen Austausch gelernt, dass man trotz Kommunikationsschwierigkeiten einfach weiter machen sollte und dass es wichtig ist, offen für neue Kulturen zu sein. 
Mein Rat an andere Interessierte wäre, sich bewusst zu machen, dass Vielfalt eine Bereicherung ist und dass wir alle voneinander lernen können, wenn wir mit Respekt und Empathie aufeinander zugehen. Außerdem sollte man sich bewusst sein, dass die zwei Wochen anstrengend, aber sehr schön sein werden. Diese zwei Wochen werde ich immer in Erinnerung behalten, denn sie haben sehr viel Spaß gemacht und ich hoffe, dass ich das nochmal erleben kann.
•    Aus diesem Austausch habe ich sehr viel mitgenommen und viele schöne Momente erlebt, für die ich sehr dankbar bin. Generell ist mir aufgefallen, dass vor allem die Musik uns verbindet. Fast alle Lieder, die wir hören, kannte der andere auch. Da ist mir klar geworden, dass man zwar in komplett verschiedenen Orten auf der Welt leben kann, und trotzdem ist man in so vielen Aspekten gleich. Dennoch sind natürlich auch Unterschiede aufgefallen. Nicht nur das Essen, sondern auch zum Beispiel Dinge wie Fahrrad fahren. Was für mich hier völlig alltäglich ist, ist woanders nicht üblich. Wir hatten jedenfalls sehr viel Spaß, Noor das Fahrradfahren beizubringen. Am Ende des Austauschs konnte sie dies dann sehr gut alleine. 
Überrascht hat mich, dass wir uns nach so kurzer Zeit schon so gut einschätzen konnten. Im Welthaus in Bielefeld sollten wir getrennt voneinander Fragen über uns selbst, aber auch über unseren Austauschpartner beantworten. Anschließend sollten wir diese Fragebögen vergleichen und diese waren überraschend ähnlich. Ich glaube dadurch, dass man wirklich zwei Wochen lang fast die komplette Zeit von morgens bis abends zusammen verbringt, lernt man sich viel schneller und besser kennen. Die Abende, in denen wir bis in die Nacht einfach nur geredet haben, waren genauso toll, wie die ganzen Dinge, die wir zusammen erlebt haben. Nicht nur Berlin war unfassbar schön, sondern auch der Ausflug nach Köln mit der Bootsfahrt über den Rhein, die Stadtführung durch Bielefeld, das gemeinsame Shoppen und das Spielen am Abend mit der Familie. Nicht nur Spiele, die wir beide kennen, sondern auch für meine Austauschpartnerin unbekannte Spiele, die sie am Ende des Austauschs mehr mochte als die anderen, sodass wir ihr zusammen mit vielen Fotos aus den zwei Wochen ein „Mensch ärger dich nicht Spiel“ geschenkt haben, was sie nun zuhause ihrer Familie beibringen möchte. Auch wenn wir am Anfang noch etwas schüchtern waren, tauten wir immer mehr auf und lernten uns immer besser kennen, sodass es uns am Ende schwer fiel, uns wieder zu verabschieden. 
Allen Schüler/innen, die überlegen bei diesem Austausch mitzumachen, kann ich nur raten, macht es einfach. Auch ich war am Anfang etwas unsicher und hatte viele Gedanken im Kopf. „Was wenn…“. Doch nach dem Austausch kann ich sagen, dass diese Gedanken total unnötig waren. Diese zwei Wochen waren mit das Schönste, was ich erleben durfte und ich bin einfach nur froh, dass ich mutig genug war mitzumachen.